
Wenn Kinder ein Spiel erfinden, setzen sie sich vor Spielbeginn zusammen und setzen die gültigen Regeln fest. Dasselbe tun Menschen, die ein Kartenspiel spielen wollen, besonders dann, wenn die Teilnehmer aus verschiedenen Ländern oder Gegenden kommen, in deren Heimat möglicherweise andere Spielregeln zugrunde liegen.
Wenn es dann später Meinungsverschiedenheiten gibt, wird auf die vorher abgesprochenen Regeln verwiesen.
Was wir als „Moral“(von lat. Mores = Sitten) kennen, sind uralte grundlegende Grundverhaltensweisen des Menschseins, also auch eine Art Verhaltens-Spielregeln.
Mit dem Begriff Moral ist auch „richtiges Denken“, vor allem aber „richtiges Handeln“ gemeint.
Moralische Leitlinien sind denn auch wichtige Bausteine funktionierender Gesellschaften und oftmals Teil von Verfassungstexten (also Spielregeln des Zusammenlebens innerhalb eines Landes), wie etwa hier in der Präambel zur Schweizerischen Bundesverfassung (Stand 18. Mai 2014):
„Präambel Im Namen Gottes des Allmächtigen!
Das Schweizervolk und die Kantone,
in der Verantwortung gegenüber der Schöpfung,
im Bestreben, den Bund zu erneuern, um Freiheit und Demokratie, Unabhängigkeit und Frieden in Solidarität und Offenheit gegenüber der Welt zu stärken,
im Willen, in gegenseitiger Rücksichtnahme und Achtung ihre Vielfalt in der Einheit zu leben,
im Bewusstsein der gemeinsamen Errungenschaften und der Verantwortung gegenüber den künftigen Generationen,
gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,
geben sich folgende Verfassung…“
Wir erkennen hier viele moralische Grundsätze wie Solidarität, gegenseitige Rücksichtnahme, Verantwortung gegenüber der Schöpfung und gegenüber künftigen Generationen, die wir als „Spielregeln“, in diesem Fall für die Schweiz, betrachten könnten. Man könnte also sagen, die Verfassung ist ein Gefäss für das WIR-Gefühl der Bevölkerung, ein Schriftstück, mit dem sich die Bewohner des Landes gerne identifizieren, weil es ihnen dient.
Wie und wann kommt nun Ideologie ins Spiel? Sie kommt ins Spiel und bestimmt künftig das Spiel, sobald es einer Regierung gelingt, ihre Ideen und Ziele, die in Wahrheit ausschliesslich ihrem Einfluss- und Machtgewinn dienen, in das Gefäss dieses WIR-Gefühls zu füllen. Es ist dann so, dass dieses neue WIR-Gefühl so dominiert, dass die Dominierten nicht mehr merken, dass die Ideologie die ursprünglichen Spielregeln bricht. Um das neue WIR zu etablieren, verwendet sie Begriffe aus dem Wortschatz der ursprünglichen Spielregeln, zum Beispiel Solidarität, Rücksichtnahme und Verantwortung, unterwirft diese aber der Ideologie. Es entsteht, sozusagen, ein Domino- oder Dominanz-Effekt.
Diejenige Einstellung und Haltung, die den Ideologen den grössten Zugewinn an Macht und Einfluss beschert, wird als moralisch richtig zementiert. So wird aus Moral Moralismus. Die Moral wird an die Erfordernisse zur Erreichung bestimmter Ziele angepasst, und, was noch bedeutsamer ist: der Inhalt der gleichbleibenden moralischen Grundsätze wird verändert oder sogar ins Gegenteil verkehrt.
Gegner der Ideologie werden sozusagen demoralisiert, das heisst sie werden, egal ob sie faktisch recht haben oder nicht, in der Öffentlichkeit der Rechtmässigkeit ihrer moralischen Grundannahmen beraubt und damit an einen imaginären Pranger gestellt als nicht konform und nicht erwünscht.
Sehr schön (beziehungsweise „gfürchig) wird dieses Prinzip in 1984 von George Orwell dargestellt.
Dort leuchten von jeder Mauer die Parolen:
Krieg ist Frieden.
Freiheit ist Sklaverei.
Unwissenheit ist Stärke.
Nein, die Moral stirbt nicht, wenn die Ideologie übernimmt, was stirbt, ist der Gesunde Menschenverstand.
