Woran liegt es wohl, dass der Begriff des alten weissen Mannes genauso stereotypisch verwendet wird wie der der alten weisen Frau, allerdings mit komplett konträren Bedeutungs-Schwingungen?
Während der alte weisse Mann schon fast ein Schimpfwort ist, also wie so viele andere Begriffe von der reinen Beschreibung in eine Cancel- und Entwertungs-Ebene verfrachtet wurde, ist die alte weise Frau, egal welcher Hautfarbe, immer noch hoch geachtet und gefragt, zumindest theoretisch. Praktisch allerdings ist sie fast nicht-existent, hat sie kaum eine Stimme.
Diese Stimmlosigkeit und damit öffentliche Bedeutungslosigkeit könnte damit zu tun haben, dass die alte weise Frau mit zittrigem Finger in sämtliche Wunden der aktuellen Zeit zeigt, die vor allem anderen an einer besorgniserregenden Abschaffung aller echt weiblichen Attribute krankt. Mitgefühl, Kreativität, Naturnähe, Fühlen und Raum geben, Zuhören und Gebären, Geduld und Pflegen, das sind zutiefst weibliche Eigenschaften, die selbstredend auch jedem männlichen Mensch innewohnen. Schauen wir in die Gesellschaft, in die Politik und in den öffentlichen Diskurs, dann fehlen diese Eigenschaften auffällig. Kaum eine Diskussion, wo nicht einander schamlos ins Wort gefallen wird, kaum ein Statement, das nicht nur auf die Bestätigung der eigenen Meinung drängt, sondern interessiert die Gegenseite anhört. Und kaum eine Politikerin, die nicht wie ein Mann agiert.
Was genau ist aber ein alter weisser Mann, sollte es ihn denn in dieser cancel-würdigen Form geben? Ist es einer, der es verpasst hat, Jüngeren, Flexibleren und oft auch Smarteren das Feld zu überlassen und sie auch nur anzuhören? Oder einer, der den Nachwuchs nicht so fördert, wie er selber gefördert wurde, und wenig Verständnis für die Tücken eines offenen und versteckten Rassismus hat? Ist er ein Chauvinist und Frauen-Nichtversteher?
Mitnichten! Es waren und sind neuerdings alte weisse (und weise) Männer, Pensionierte, Emeritierte, Ausgemusterte, die in den letzten Jahren dem Mainstream die Stirn geboten haben, ganz einfach weil sie nichts, oder wenigstens nicht ihre Arbeit, zu verlieren hatten. Natürlich haben sie viel, manche sogar sehr viel, verloren: Freunde, Status, Ansehen, manche auch Heimat oder sogar ihre Freiheit. Sie haben auch viel gewonnen, nämlich Profil, Mut, Durchhaltevermögen und Überzeugungskraft. Sie waren und sind es (nicht ausschliesslich, aber in grosser Zahl), die es den Echokammern der vereinigten Medienerzeugnisse so schwer gemacht haben, jeden, aber auch wirklich jeden von ihrer höchstens halb wahren Einheitsmeinung zu überzeugen.
Vielleicht sollten sich die beiden – alter weisser Mann und alte weise Frau – zusammen setzen und ihre reichen Erfahrungsschätze teilen, zum Wohl ihrer Kinder und Kindeskinder. Vielleicht würde dann der wortgewandte alte weisse Mann der ungehörten alten weisen Frau eine Bühne bauen, auf der sie aus der Versenkung ins Licht treten kann, auf dass die Weiblichkeit wieder gesehen und gehört werde. SO SEI ES!
