Ist die Demokratie ein Auslaufmodell?

Ich glaube, das Problem, das der Westen (oder der Wertewesten, wie er sich gerne nennt) mit der Demokratie hat, ist dies: Er ist weit, sehr weit von der Idealform der Demokratie (der Herrschaft des Volkes) abgekommen und versucht nun verzweifelt, den Anschein aufrechtzuerhalten, dass in dem, was Demokratie heisst, immer noch Demokratie drinsteckt. Das ist aber nicht so, oder nur noch zu einem sehr kleinen Teil.

Nun ist aber genau diese scheinbare Werteüberlegenheit des Westens (der eben die Demokratie mit dem goldenen Löffel gegessen zu haben glaubt) der Grund und die Legitimation für die immer noch vorgestellte Suprematie des Westens gegenüber dem Rest der Welt, obwohl, für alle sichtbar, ausser für diejenigen, die hier im Westen leben, diese Suprematie schon lange einer Dekadenz nicht nur der Werte, sondern auch der Sprache, des politischen Umgangs und der gesellschaftlichen Stabilität zum Opfer gefallen ist. Wobei der Gedankengang insofern noch weiter ausholen könnte, als eine solche Suprematie nie real da war, sondern erkauft und „erkriegt“ durch Sklavenhandel, Kolonialismus, Raubtierkapitalismus und wie diese üblen Machenschaften alle heissen, die uns an den gegenwärtigen Abgrund geführt haben.

Es geschieht dem Westen recht, könnte man da sagen, und die Demokratie, wie wir sie heute erleben, ganz einfach in die Tonne treten. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit? Fehlanzeige, auch und gerade in westlichen Staaten. Die Freiheit ist an Bedingungen geknüpft (und nicht nur an jene, die der Staat legitimerweise einfordert), Gleichheit wird über Gleichmacherei und Gleichschritt definiert statt über das Menschsein an sich, und Brüderlichkeit, die kann es in dieser Form nicht mehr geben, da schon der Begriff politisch unkorrekt ist.

Das Menschsein ist hier ein zentraler Faktor, und muss es sein. Denn sowohl Demokratie, Aristokratie, Monarchie und sogar Autokratie können funktionieren, wenn die Menschen in Führungspositionen aufrichtige, wenig von ihrem Ego in Besitz genommene, kluge und umsichtige Persönlichkeiten sind, die das Wohl der ihnen anvertrauten Menschen als das Höchste Gut ansehen. Auch die Demokratie verkommt vollständig, wenn die Exekutive von macht- und geldhungrigen Individuen ohne oder mit umgepoltem moralischen Kompass besetzt wird. Das gleiche gilt für alle anderen Staatsformen in umgekehrter Form. Auch sie können funktionieren, wenn die Spitze stimmt.

Eine Ausnahme von dieser Regel ist möglicherweise die Plutokratie, die die Herrschaft des Geldes bedeutet.
Aber Hand aufs Herz: Könnte man nicht mit Fug und Recht behaupten, dass wir ALLE in der jetzigen Zeit im Grunde in Plutokratien leben?

In diesem Zusammenhang empfehle ich das sehr interessante Interview von Richard David Precht mit dem indischen Autor Pankaj Mishra.

2 Kommentare

  1. Feurig geschrieben, wow!!!! Du benennt klar was ist!!! Das ist ja tatsächlich mir oft Gegenwärtig, wo kommt der Reichtum her, auch hier im vergangenen Basel…. Danke für Deine starken Gedanken Impulse Lieber Gruss Beate

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