Wir alle hatten schon einmal – entweder selber oder im Umfeld – Kontakt mit toxischen Beziehungen. Sie zeichnen sich durch ein Ungleichgewicht der Partner aus, wobei ganz allgemein der eine der beiden die Macht in Händen hält, während der andere sich früher oder später als machtlos und ohnmächtig wahrnimmt. Beide sind Teil der toxischen Beziehung und damit auch beide verantwortlich für die Auswirkungen des unausgewogenen Miteinanders. Vielleicht könnte man sagen, dass die toxische Beziehung eine Art Einheit bildet, in der sich die Polaritäten sehr stark aufspalten. Auf der einen Seite Täter, auf der anderen Seite Opfer, während in den meisten funktionalen Beziehungen diese Polaritäten fluid sind. Mal dominiert die eine, mal der andere, mal ist der eine übergriffig, mal die andere. Solange dies bemerkt, thematisiert und gelegentlich aufgelöst wird, ist die Beziehung das, was man gesund nennt.
Dysfunktional oder toxisch wird die Beziehung dann, wenn der Druck, die Anmassung, der Übergriff und der Liebesentzug ständig vom einen Partner ausgehen, und das Ducken, Aushalten, das stille Leiden und der Schmerz vom anderen.
Es ist bekannt, dass das Ausbrechen aus einer solchen Beziehung nicht einfach ist, oftmals praktisch unmöglich, und zwar deshalb, weil der machtvolle Partner sich erfolgreich als „edel, hilfreich und gut“ darzustellen weiss, während der ohnmächtige Teil als zorniges, kleinmütiges, nachtragendes und dummes Kind dasteht – oder in seiner Machtlosigkeit gleichsam verschwindet, in einer unsichtbaren und doch düsteren Blase von Trauer, Enttäuschung und Hoffnungslosigkeit. In beiden Fällen fehlt die Kraft, sich der „Lichtgestalt“ in einer Grösse entgegen zu stellen, dass der Schatten der Selbsterkenntnis auf sie fällt. Abkehr, Kontaktabbruch und komplette Neuorientierung sind die besten Rezepte, um aus einer toxischen Beziehung auszusteigen.
So weit so gut. Aber heisst es nicht so schön (und wahr): Wie oben so unten, wie im Grossen, so im Kleinen (und umgekehrt)?
Ich erkenne je länger desto mehr toxische Züge in unseren Beziehungen zu Autoritäten, Behörden, und sogar zu unseren Regierungen. Skandale um Fehlinformationen, Verheimlichung von unliebsamen Wahrheiten und problematischen Entscheidungen, die als notwendig oder gar heldenhaft für das Grosse Ganze dargestellt werden, häufen sich und lassen die Bürger ohnmächtig und mit der Wahrnehmung von Übergriffigkeit, Anmassung und Ausweglosigkeit zurück.
Totaler Kontaktabbruch ist im Grossen nun leider nicht möglich. Die Einsicht aber, dass diese Beziehungen ungesund sind, und die Entscheidung, sich dessen in jedem Moment bewusst zu sein und sich nicht zum Opfer machen zu lassen, sehr wohl!
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